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Kleine Wohlfühloase

Ökologisch leben auf 35 Quadratmetern? Für die Baubiologin Tanja Schindler ein Traum, den sie sich vor sieben Jahren erfüllt hat. Ihr Ökominihaus ist schön fürs Auge und gesund für Mensch und Umwelt. Im Gespräch erzählt sie, warum sich Minimalismus so gut anfühlt.

TEXT: Monika Mingot | FOTOS: Selina Meier | 19.11.2019

Tanja, du lebst mit 35 Quadratmetern auf ziemlich kleinem Fuss. Fühlt sich das im Vergleich zu früher als Verzicht an?

Aufs Minimum reduziert zu leben ist für mich kein Verzicht, sondern eine Bereicherung. Es vereinfacht das Leben und reduziert Stress. Zuvor wohnte ich mit meiner Familie in einem normalen Reiheneinfamilienhaus. Bei meinem Auszug habe ich nur Gegenstände mitgenommen, die mir guttaten oder die ich zum Leben brauchte. Das ist auch heute noch mein Motto.

Was war deine Motivation, ein Ökominihaus zu konzipieren?

Meine Ausbildung zur Baubiologin. Ursprünglich bin ich Fotografin. Als die Kinder gross waren, habe ich mich neu orientiert und als Quereinsteigerin die Ausbildung zur Baubiologin abgeschlossen. Dabei habe ich festgestellt, dass die Baubiologie in der Baubranche kein Thema ist. So ist meine Vision entstanden, gesundes und nachhaltiges Bauen bekannt zu machen, indem es erlebbar wird. Als ich wenig später vor meiner Scheidung stand, habe ich die Vision umgesetzt und das Ökominihaus gebaut. Ohne Geld, mit der Hilfe von Sponsoren und im Wissen, dass ich es nur realisieren kann, wenn ich selbst darin wohne und arbeite. Denn es sollte auch in Zukunft finanziell nicht aufwendig werden.

Was waren die Herausforderungen?

Das Haus musste transportfähig sein und trotzdem eine Grösse aufweisen, bei der man sich vorstellen kann, darin zu wohnen. So sind die 35 Quadrat­meter entstanden. Ich persönlich käme auch mit noch weniger aus. Die Idee hinter dem Minihaus ist unter anderem, die Wohnfläche von durchschnittlich 46 Quadratmetern pro Person zu reduzieren.


Welche Vorteile schätzt du an dieser Wohnform besonders?

Einer der grössten Vorteile ist die Wohnqualität im Innenraum. Der Feuchtigkeitsausgleich geschieht automatisch durch die natürlichen Baumaterialien, was eine viel bessere Luftqualität ermöglicht. Dank dem Lehm und dem offenporigen Holz ist die Luftfeuchtigkeit immer zwischen angenehmen 40 und 60 Prozent. Schimmel und trockene Luft kenne ich hier im Haus nicht.

Gibt es auch Nachteile?

Im Haus selber eigentlich nicht. Die einzigen wirklichen Nachteile sind die gesetzlichen Vorgaben: Energiegesetze, Flachdächer, die gerade in Dörfern mit viel Bauland nicht erlaubt sind, und die hohen Erschliessungs­kosten. Und dass Banken keine Hypotheken auf Minihäuser vergeben. Solange das so bleibt, ist ein Ökominihaus auch keine Lösung für Menschen, die sich im aktuellen Preisumfeld kein klassisches Eigenheim leisten können.

Lebst du komplett autark?

Energietechnisch ja, ganz autark ist aber nicht erlaubt. Man muss mindestens ans Abwasser angeschlossen sein. Einen Stromanschluss habe ich nicht. Wenn im Winter eine Woche lang die Sonne nicht scheint, muss ich mit dem Strom haushalten. Einen Totalausfall hatte ich nur im ersten Winter. Mittlerweile weiss ich, dass ich bei schlechtem Wetter über mehrere Tage meinen Kühlschrank abstellen muss. Ich habe sogar eine Waschmaschine, die ich aber höchstens einmal pro Woche benutze. Idealerweise, wenn die Sonne scheint.

Das «Wohnen der Zukunft» hat auch Skeptiker. Mit welchen Aussagen siehst du dich am häufigsten konfrontiert?

Dass es kein verdichtetes Bauen sei und man viel zu viel Bauland brauche. Das stimmt zwar in einem gewissen Sinn, ist aber extrem kurzsichtig gedacht. Ich und auch der Verein Kleinwohnformen suchen nach Zwischennutzungen oder Restgrundstücken – ein sinnvoller Beitrag zur Verdichtung. Aber auch die Diskussion über die Nutzung von weniger Wohnraum pro Person ist extrem wichtig. Momentan gibt es viel zu wenig 1- bis 2-Zimmer-Wohnungen. Es wird nicht für die Menschen gebaut, sondern für den Profit.


Das Ökominihaus

Das Vorzeige- und Forschungsprojekt soll aufzeigen, wie nachhaltiges Bauen im Alltag angewendet werden kann. Die Kosten für ein Ökominihaus aus nachhaltigen Materialien belaufen sich auf rund 180’000 Franken. Hinzu kommen rund 50’000 Franken für Transport, Fundament und Erschliessung sowie der Mietpreis fürs Land. In Merenschwand AG ist eine erste Siedlung geplant. Tanja Schindler lebt seit 2013 in ihrem Ökominihaus in Altdorf. Für Interessierte bietet sie regelmässig Besichtigungen an und berät Privatpersonen sowie Architekten und Bauherren.

ökominihaus.ch


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